Mensch, wo bist Du?

Gestern erlebte ich also nun meinen ersten Kirchentag im sonnenüberfluteten Bremen. Das diesjährige Motto lautet: “Mensch, wo bist Du?” Vor der förmlichen Eröffnung blieb noch etwas Zeit für einen Stadtrundgang, und die alte Hansestadt hat ja diesbezüglich eine Menge zu bieten. So besichtigten wir unter anderem die Altstadt mit dem St. Petri-Dom, sahen natürlich die Bremer Stadtmusikanten vor dem Rathaus und machten einen Abstecher in den Schnoor, dem ältesten Stadtteil von Bremen mit herrlichen, zum Teil sehr kleinen Häusern. Natürlich besuchten wir auch noch den Landtag, der hier in Bremen wie auch in Hamburg die Bezeichnung „Bürgerschaft“ führt. Von unseren Kollegen von der hiesigen Linksfraktion konnten wir hier zunächst niemanden treffen, denn die Fraktionsräume der LINKEN sind aus Platzgründen in ein etwas entfernteres Gebäude ausgelagert, aber wir würden uns ja am Abend noch sehen. Zumindest aber konnte ich mit Katharina einen Rundgang durch den Landtag machen und ihr auch den Plenarsaal zeigen. Ganz anders als der Sächsische Landtag mit seinen überzogenen Sicherheitsvorkehrungen kommt die Bremer Bürgerschaft im Übrigen völlig ohne Einlasskontrollen aus. Alle Bürgerinnen und Bürger haben freien Zutritt. Da können die Sachsen noch etwas lernen…
Dann liefen wir noch einmal zum Umziehen ins Hotel, bevor der offizielle Teil losging.

Um 15 Uhr waren wir gemeinsam mit vielen anderen Gästen zu einem kurzen Empfang beim Regierenden Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) ins Rathaus eingeladen.
Allein schon der herrliche Saal war den Besuch wert. Eine alte holzgetäfelte Decke mit dicken Balken, von der mehrere historische Schiffsnachbildungen herunterhängen – einfach beeindruckend. Unter den Gästen waren neben zahlreichen kirchlichen Würdenträgern viele bekannte Gesichter, so u.a. der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner, der ehemalige Bremer Bürgermeister Hennig Scherf oder auch der Vorsitzende des Zentralrats der Katholiken in Deutschland, Prof. Hans-Joachim Meyer, der bekanntermaßen auch viele Jahre Wissenschafts- und Kunstminister in Sachsen war.

Nach dem Empfang machten wir uns dann langsam auf den Weg zur „Bürgerweide“ (der Platz vor dem Messegelände heißt wirklich so!), wo um 18 Uhr der feierliche Eröffnungsgottesdienst stattfinden sollte. Dort hinzukommen war gar nicht so einfach, denn mehr als 60.000 Menschen hatten denselben Weg und vor allem in der Bahnhofspassage wurde es dann schon extrem eng.
Als Ehrengäste hatten wir das Glück, auf einer kleinen Tribüne sitzen und die Veranstaltung von dort sehr gut verfolgen zu können. Alle in allen war es eine sehr würdige und angemessene Eröffnung bei bestem Wetter und fröhlicher Stimmung der Anwesenden. Auch für einen dem christlichen Glauben nicht so nahe stehenden Menschen wie mich war dieser Gottesdienst durchaus beeindruckend.
Aus dem Rahmen fielen lediglich zwei Politiker-Reden zum Abschluss der Veranstaltung. Bundespräsident Horst Köhler reihte zahlreiche Phrasen aneinander und ließ jede klare Aussage vermissen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier wiederum hielt ein platte und viel zu lange Wahlkampfrede, die auf einem Kirchentag eigentlich nicht zu suchen hatte.

Von der Bürgerweide liefen wir dann wieder zurück in Richtung Altstadt. Auf halbem Wege machten wir noch einen Zwischenstopp im Café „Allegretto“, wohin die Bundestagsfraktion der LINKEN unter dem Motto „Linke reden über Gott“ zu einem kleinen Empfang anlässlich des Kirchentages eingeladen hatte. Neben Bodo Ramelow und Axel Troost aus dem Bundestag trafen wir hier weitere Abgeordnetenkollegen aus den Landtagen und jetzt natürlich auch aus der Bremer Bürgerschaftsfraktion, die u.a. durch deren Vorsitzende Monique Trödel vertreten war. Den Hauptbeitrag zur Eröffnung der Diskussion lieferte Pfarrer Jürgen Klute, der – aus der WASG stammend – jetzt Mitglied im Parteivorstand der LINKEN ist und auf einem sehr aussichtsreichen Platz auf der Bundesliste für das Europaparlament kandidiert. Ehrengast der Veranstaltung war der Kandidat der LINKEN für das Amt des Bundespräsidenten, der Schauspieler Peter Sodann. Sehr gefreut habe ich mich, dass die Schriftstellerin Daniela Dahn noch auf einen kurzen Besuch vorbeikam.

Katharina und mich zog es jedoch jetzt wieder in die Altstadt mit ihren zahlreichen Bühnen anlässlich des Kirchentages. Wir fanden direkt am Marktplatz einen Tisch in einem Eckrestaurant, von dem aus wir die ganze Szenerie und die Gospelsänger auf der Hauptbühne sehr gut verfolgen konnten. Um 22.30 endete der offizielle Teil auf dem Markt mit dem gemeinsamen Gesang („Der Mond ist aufgegangen“), wobei tausende Menschen jeweils eine brennende Kerze in der Hand hielten – ein wirklich schönes Abschlussbild.

Ich saß aber die ganze Zeit etwas unruhig auf meinem Platz. Eigentlich zog es mich zum Fußball, denn Werder Bremen kämpfte zeitgleich in Istanbul um den UEFA-Cup gegen Schachtjor Donezk aus der Ukraine. In vielen Gaststätten und an der Weser waren große Bildschirme aufgestellt, vor denen die Bremer und auch Kirchentagsbesucher das Spiel verfolgten. Da Katharina aber schon den ganzen Tag meine (politischen) Termine weitgehend klaglos mitgemacht hatte, wollte ich sie jetzt nicht noch zum Fußball „nötigen“.
Aber manchmal hat man ja auch ein bisschen Glück. Das Spiel endete regulär zeitgleich mit der Veranstaltung auf dem Markt. Doch da es nach 90 Minuten 1:1 stand und also noch kein Sieger gefunden war, gab es eine Verlängerung, und die konnten wir dann in einem nahe gelegenen Restaurant verfolgen. Die Bremer gaben ihr Bestes, verloren aber ohne ihren Spielmacher Diego und ohne Stürmerstar Alymeda am Ende 1:2, wobei man sagen muss, dass auch der Schiedsrichter den Werderanern nicht besonders wohl gesonnen war.
Gleich nach dem Schlusspfiff brachen wir in Richtung Hotel auf und beendeten den langen, aber auch schönen Tag in einer lauen Frühlingsnacht bei einem Glas Sekt auf der Terrasse eine keinen Restaurants, das wir auf dem Weg dorthin fanden.

Heute stehen wieder zahlreiche Veranstaltungen an (so u.a. zum Thema Rechtsextremismus sowie der Finanz- und Wirtschaftskrise) und es wird sicher wieder ein erlebnisreicher Tag. Morgen dann geht es zur Bundesversammlung nach Berlin, wo sich am Abend die Delegation der LINKEN mit Peter Sodann zu einer gemeinsamen Sitzung trifft.

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