Zu Gast bei den kleinen Tänzern von Děčín-Boletice

Zu Gast bei den kleinen Tänzern von Děčín-Boletice

Seit vielen Jahren pflegt der Pirnaer Sozialdemokrat Klaus Fiedler Kontakt zum Roma-Zentrum Decin. Mit seiner Einladung, gemeinsam mit Dr. André Hahn in unsere tschechischen Nachbarstadt zu fahren, besuchte erstmalig ein deutscher Bundestagsabgeordneter das Zentrum. Aufrund ihrer sozialen Situation und ethnischen Zuschreibung werden Roma auch heute noch in der Welt marginalisiert, ausgegrenzt oder verfolgt. Es sei ihm ein Bedürfnis, hier zu sein, sagte André Hahn und erinnert an die Verantwortung Deutschlands gegenüber Sinti und Roma aus der deutschen Geschichte heraus.

Freundlich empfängt uns der Vorsitzende des sozialen Roma Vereins Indigo Decin Miroslav Grajca, der zugleich dieses Roma Zentrum „Kamarad“ Decin-Boletice leitet. Von ihm als studierten Sozialakademiker mit Roma-Herkunft ging das unermüdliche Engagement für die Einrichtung dieses Zentrums aus. Denn zwischen 1995 und 96 waren Roma aus einem anderen Stadtteil Decins, der zur Wirtschaftszone umgebaut  wurde, hierher umgesiedelt worden. Was fehlte, waren Spielplätze und Treffpunkte für die ohnehin sozial benachteiligten ca. 700 Familien dieser größten ethnischen Minderheit Europas. Das Leben spielte sich vornehmlich auf der Straße ab. „Niemand wollte damals mit uns reden oder uns helfen“, schildert Grajcar die damalige Zeit. Der sächsische SPD-Landtagsabgeordnete Prof. Wolfgang Marcus war es, der mit einem Anfangsbudget von 4000 Euro Unterstützung gegen alle Widerstände organisierte. 2003/2004 kam es zur Bildung des Roma-Zentrums.

Der graue Mehrzweckbau älterer Bauart ist von innen liebevollst hergerichtet und gut ausgestattet. Überall zeugen bunte Bastelarbeiten der Kinder von großer Geschicklichkeit, Kreativität und professioneller Anleitung. Die Kinder, die hier ihre Freizeit verbringen, werden heute durch eine Vielzahl gut geschulter Sozialpädagogen betreut und gefördert, es läuft ein dreijähriges Projekt. Das Zentrum besitzt die höchste Stufe als sozialer Träger. Während staatliche Einrichtungen Gebühren verlangen, die nicht für alle hier erschwinglich wären, ist der Aufenthalt für die Kinder hier kostenlos.

Es sind liebe, muntere Kinder, die wir hier treffen. Mit Eifer und Hingabe tragen sie ein kleines Programm für uns vor, bei dem man nicht still sitzen bleiben kann. Und wie geschickt sie sich bewegen! Man merkt: die Stärke dieser Kinder liegt eindeutig im musischen, sportlichen und künstlerischen Bereich. Davon zeugt auch die stolze Pokalesammlung – errungen bei Tanzwettbewerben.

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Fast familiär, wenig autoritär und trotzdem sehr diszipliniert wirkt das alles hier auf uns. Die mitgebrachten Süßigkeiten werden gerecht unter allen Kindern verteilt. Fällt etwas herunter, heben es die Kleinen sofort auf oder wischen es weg. Was der Erwachsene sagt, wird gemacht. Während wir uns die Räume anschauen, tanzen die Kinder wieder mit vollster Hingabe und strahlenden Gesichtern unter Anleitung ihres Betreuers und scheinen niemals müde zu werden.

Was wir hier erleben und uns anrührt, lässt sich nicht mehr mit den bedrückenden früheren Begegnungen mit der Roma-Minderheit vergleichen. Hier ist inzwischen viel passiert, Fördermittel, auch aus der EU, geflossen. Die Wohngegend, wo sich das Zentrum befindet, macht einen freundlichen Eindruck auf uns. Die Familien werden sozial betreut. Es gibt ein verpflichtendes Vorschuljahr. Die Roma-Kinder lernen gemeinsam mit tschechischen Altersgenossen in einer Schule. Besuchen Kinder die Schule nicht, wird die Sozialhilfe gekürzt. Die angepannte Arbeitsmarktsituation in Tschechien wird dazu führen, dass auch immer mehr Roma-Eltern einen Arbeitsplatz finden, sagt Miroslav Grajca. Auf Nachfrage André Hahns bestätigt Herr Grajcar, dass die Elternbeteiligung das größte Problem sei. Die Eltern kämen zu Kulturaktivitäten und wenn es Probleme in der Schule gibt, aber sonst,  – es könnte besser sein. So ähnlich wie bei uns, stellen wir fest. Eigentlich sind sich die Probleme überall sehr ähnlich.

Zum Abschied übergibt André Hahn neben Bastelutensilien noch einen Fußball. Nicht, ohne Miroslav Grajca noch einmal zu sagen, wie beeindruckt er von dessen Engagement ist. Sicher wird er wiederkommen und den Kontakt pflegen. Dieser Enthusiast und große Humanist verdient einfach unsere Unterstützung.

 

(Text: Anja Oehm)