LINKE gegen Sportevents, die Kriegseinsätze normalisieren

Wertschätzung verdienen aus Sicht der LINKEN alle Menschen mit bleibenden körperlichen und seelischen Verletzungen, nicht nur in Kriegen eingesetzte ehemalige Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und ihrer Bündnispartner. Die Ausrichtung eines Sportereignisses wie die Invictus-Games, das allein dieser Gruppe gewidmet ist, birgt die Gefahr, Militäreinsätze zu normalisieren.


Rede im Wortlaut (Auszug aus dem Plenarprotokoll 19/86 vom 14.3.2019):

Dr. André Hahn (DIE LINKE):

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Es ist völlig unstrittig, dass auch in Kriegseinsätzen versehrte Soldatinnen und Soldaten sportliche Wettkämpfe bestreiten können und sollen. Besser wäre es natürlich, es gäbe weniger oder gar keine Kriege, dann würde sich diese Frage erst gar nicht stellen.

(Beifall bei der LINKEN)

Ein kurzer Blick in die Geschichte: 1948 begannen in Aylesbury, England, die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer, die sogenannten Stoke Mandeville Games, am selben Tag wie die Olympischen Spiele von London. Der Neurologe Sir Ludwig Guttmann – er musste 1939 wegen der Judenverfolgung aus Nazideutschland fliehen – hatte sie initiiert, um die Wettkämpfe der Menschen mit Behinderung mit den Spielen der Nichtbehinderten zu verbinden. Damals nahmen 14 kriegsversehrte Männer und Frauen mit Rückenmarksverletzungen teil und maßen ihre Fertigkeiten im Bogenschießen.

1960 gab es die ersten „Weltspiele der Gelähmten“ in Rom, die nun nicht mehr parallel zu den Olympischen Sommerspielen stattfanden, sondern wenige Wochen später. Seitdem finden die Paralympics für Menschen mit körperlichen Behinderungen alle vier Jahre, immer im selben Jahr wie die Olympischen Spiele und inzwischen auch immer am selben Ort, statt. Neben den Paralympics gibt es noch die Special Olympics für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und die Deaflympics für Gehörlose.

Was hat das nun mit dem vorliegenden Antrag zu tun? Ich denke: eine ganze Menge; denn Sport ist ein gutes Mittel für Menschen, die in der Folge verschiedenster Ereignisse dauerhafte Beeinträchtigungen erlitten haben, dennoch gesellschaftliche Teilhabe und Anerkennung zu erfahren. Tatsache ist leider, dass die Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen, gleichberechtigt Sport zu treiben, auch in Deutschland noch längst nicht überall gegeben sind. Hier ist noch einiges zu tun – auch für die Regierung.

(Beifall bei der LINKEN)

Warum liegt nun dieser Antrag der Koalition vor, nachdem ein ähnlicher Antrag der FDP im November 2018 – es ist angesprochen worden – bei Zustimmung von FDP, AfD und Grünen mit den Stimmen von Union und SPD und der Linken abgelehnt wurde? Selbst wenn es zuträfe, dass Symbolhandlungen wie die Ausrichtung eines solchen Sportevents den teilnehmenden Geschädigten und ihren Angehörigen tatsächlich helfen würde:

Ein positives Signal unserer Wertschätzung verdienen aus Sicht der Linken alle Menschen mit bleibenden körperlichen und seelischen Verletzungen, nicht nur die in Kriegen eingesetzten ehemaligen Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und ihrer Bündnispartner.

(Beifall bei der LINKEN – Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann [FDP]: Was soll denn das?)

Die Ausrichtung eines Sportereignisses, das allein dieser Gruppe gewidmet ist, birgt die Gefahr, Militäreinsätze zu normalisieren, und das gehört nach Auffassung der Linken nicht zu den Dingen, die Kriegsopfer brauchen,

(Dr. Marcus Faber [FDP]: Es geht um ein Sportevent!)

für die wir in der Tat eine Verantwortung haben. Gerade im Verteidigungsministerium gäbe es viele andere Möglichkeiten, Betroffene zu unterstützen. Bislang werden Spitzensportlerinnen und Spitzensportler mit Behinderungen bis auf wenige Ausnahmen jedoch nicht durch die Bundeswehr gefördert. Sie entsprechen nicht den körperlichen Einstellungsvoraussetzungen für Soldatinnen und Soldaten, teilte die Bundesregierung kürzlich auf eine Anfrage der Linken mit.

Meine Fraktion ist seit langem auch Ansprechpartner für psychisch geschädigte und versehrte Soldaten, setzt sich für deren Rechte ein, und wir werden dies auch künftig tun. Nötig aber ist auch konkrete Hilfe, die dann Geld kostet. Nicht nur die letzten Berichte des Wehrbeauftragten zeigten, wie die Realität aussieht: zu wenige Ansprechstellen und stationäre Behandlungsplätze und obendrein noch der Versuch, durch das Patensystem sowohl die psychosozialen als auch die finanziellen Kosten der Wiedereingliederung traumatisierter Soldatinnen und Soldaten an ehrenamtlich Engagierte outsourcen zu können.

Wir werden die Gelegenheit haben, verschiedene Fragen noch imAusschuss zu diskutieren, zum Beispiel, warum an den Invictus Games nur NATO-Armeen und ihre in Kriegseinsätzen Verbündete teilnehmen, oder auch, warum diese Sportler, die Soldatinnen und Soldaten, nicht in die Paralympics integriert werden können. Wir sehen in dieser Frage Klärungsbedarf und werden darüber gern mit Ihnen im Ausschuss sprechen.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der LINKEN)